Tradition beim ARV: Aktion „Rollentausch“

WEIDEN I. D. OPF. (hb) Die „Aktion Rollentausch“ ist eine landesweite Initiative der Freien Wohlfahrtspflege Bayern. Alljährlich gibt es eine Aktionswoche, in der die Sozialverbände aufgerufen sind, mit lokalen Entscheidungsträgern in Kontakt zu treten. Dass sich der Allgemeine Rettungsverband in Weiden daran beteiligt, ist inzwischen Tradition. 

Jedes Jahr stellen sich regional bekannte Persönlichkeiten dafür zur Verfügung. Beispielsweise bewirtete im Jahr 2011 kein geringerer als Weidens Oberbürgermeister Kurt Seggewiß die Gäste der Sonneninsel. Die Sonneninsel ist ein barrierefreies Café im ARV-Dienstgebäude in Weiden; dort treffen sich zweimal wöchentlich Menschen mit und ohne Behinderung zum Kaffeetrinken und Plaudern.

Heuer machte Bürgermeister und Bezirkstagsvizepräsident Lothar Höher beim Rollentausch mit. Ziel der diesjährigen Aktion war es, einmal bewusst öffentliche Einrichtungen zu würdigen, die bereits barrierefrei oder weitgehend barrierefrei sind. Diese Einrichtungen sollten im Rahmen eines kleinen Stadtrundgangs in Weiden besucht und live getestet werden. Neben Lothar Höher waren haupt- und ehrenamtliche ARV-MitarbeiterInnen sowie natürlich Menschen mit Behinderung (Rollstuhlfahrer und Sehbehinderte) mit von der Partie. Ausgangspunkt des Stadtrundgangs war die Weidener Regionalbibliothek. Bei Kaffee und Kuchen kamen die Aktionsteilnehmer schnell miteinander ins Gespräch. Jeder war bereit, sich in andere Rollen hineinzuversetzen.

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Für den Stadtrundgang bekam der Bürgermeister eine Brille, die Grauen Star simulierte, dazu einen Blindenstock, dessen Anwendung erst erklärt werden musste: „Linker Fuss nach vorne, Blindenstock nach rechts und umgekehrt.“ Auch einige ARV-Mitarbeiter ließen sich mit Simulationsbrillen und Blindenstöcken ausstatten. Die übrigen assistierten den Rollstuhlfahrern und wollten dabei lieber uneingeschränkte Sicht behalten.

Schon auf relativ kurzer Strecke gab es einige Hürden zu meistern: eine vielbefahrene Straße ohne Blindenleitsystem, Kopfsteinpflaster in der Innenstadt und kontrastarme Hindernisse, die mit Simulationsbrille quasi unsichtbar wurden. Vor allem ein Sperrpfosten vor der Fußgängerzone hatte es auf Lothar Höher abgesehen.
Nichtsdestotrotz war auch viel Positives zu erwähnen: Die Regionalbibliothek mit Fahrstuhl und Behinderten-WC, die neue VHS, die zumindest im Bestand rollstuhlgerecht gestaltet ist, und die deutlich abgeflachte Zufahrt zum Max-Reger-Park. Das damit verbundene Lob genoss der Bürgermeister sichtlich. „Barrierefrei heißt aber nicht nur rollstuhlgerecht!“ gaben die Teilnehmer mit Sehbehinderung zu bedenken und forderten beispielsweise Fahrstühle mit akustischen Signalen und/oder tastbaren Bedienfeldern.

Nachdem er seine Simulationsbrille abgelegt hatte, wollte Bürgermeister Höher auch die Tücken des Rollstuhlfahrens kennenlernen, und zwar aus der Perspektive des Assistenten. Gekonnt manövrierte er eine Rollstuhlfahrerin über alle Hindernisse: „Ich schiebe geradeaus. Sie lenken.“

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Als nächstes wurde ein Linienbus besichtigt, denn die Linienbusse in Weiden sind alle mit einer ausklappbaren Rampe ausgestattet, um den Rollstuhlfahrern ein selbstständiges Ein- und Aussteigen zu ermöglichen. Selbstverständlich wurde auch das gleich an Ort und Stelle ausprobiert. Höher zeigte sich durchaus zufrieden: Das Ein-und Aussteigen lief problemlos, und es gab auch mit zwei Rollstühlen noch keinen Engpass im Bus.

Letzte Station des Stadtrundgangs war das Blindenleitsystem an einem Fußgängerüberweg: Rillen im Boden, die man mit dem Blindenstock ertasten konnte,
wiesen den Weg. Wenn man diesem jedoch bis zum Ende folgte, fand man sich unmittelbar vor einem Zaun wieder. Eine Vertreterin des Blinden- und Sehbehindertenverbandes erklärte, dass die Rillen mit einem Noppenfeld abgeschlossen werden sollten, denn „Rillen bedeuten Gehen, Noppen bedeuten Stehen.“

Bei einem kleinen Imbiss ließen die Absolventen des diesjährigen Rollentausches das Erlebte nochmals Revue passieren. Alle waren sich einig, dass sie einiges voneinander und über die eigene Heimatstadt gelernt hatten. Es wurde deutlich, dass vor allem für Menschen mit Sehbehinderung noch viel getan werden muss. Bürgermeister Höher versprach, sich der vorgetragenen Anliegen anzunehmen. (Heidi Beck)


So stand es in der Tagespresse:

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