Er holte die „rollenden Notrufsäulen“ nach Frankfurt

Artikel aus Frankfurter Neue Presse, 12.04.2019 Seite 18 von Holger Vonhof

Griesheim – Weil er eine Babypuppe fallen ließ, kam Karl-Heinz Maier vom Helfen nicht mehr los

In den frühen 70er Jahren starben in Deutschland jährlich rund 21 000 Menschen im Straßenverkehr. Vor mehr als 40 Jahren wurde deshalb in Oberhaching der Allgemeine Rettungverband gegründet. Der Ur-Griesheimer Karl-Heinz Maier war dabei – und brachte die Idee vor 33 Jahren nach Frankfurt. „Es ging darum, Unfallstellen abzusichern und Erste Hilfe zu leisten.“ Angefangen wurde mit Menschen, die ein CB-Funkgerät im Auto hatten und auf dem Weg zur Arbeit oder in die Freizeit helfen wollten, vornehmlich Feuerwehrleute, Krankenpfleger, Menschen aus anderen Gesundheitsberufen. „Man muss bedenken: Das war die Vor-Handy-Zeit“, sagt Maier. „Wir wollten etwas tun, um die Zahl der Verkehrsopfer zu reduzieren.“

Als „fahrende Notrufsäulen“ wurden die Helfer flapsig bezeichnet. „Die Autobahnpolizei hat uns mit eingesetzt“, erinnert sich Maier. Mit der Zeit sei dieses Tätigkeitsfeld von der Feuerwehr übernommen worden, und der Allgemeine Rettungsverband habe sich anderen Aufgaben gewidmet: „Wir haben etwa einen Medikamenten-Notdienst eingeführt und dringend benötigte Medikamente zu den Leuten gefahren, die sie brauchten.“ Koordiniert wurde das über den Ärztlichen Notdienst.

Heute gibt es den Allgemeinen Rettungsverband in zwei Darreichungsformen: als Verein mit 16 Mitgliedern und als GmbH. Als GmbH kümmert er sich unter anderem mit hauptamtlichen Kräften um häusliche Pflege, als Verein berät er und macht Sanitätsdienst bei Sportfesten, Fastnachtssitzungen oder anderen Veranstaltungen, etwa dem Griesheimer Mainuferfest, dem Praunheimer Scheunenfest oder dem Weihnachtsmarkt. Eingeladen ist er etwa auch zur Krönung der Apfelweinkönigin im Gallus. „Die ist ja von uns, von den ,Nasebaern‘ “, kommt sein Griesheimer Lokalpatriotismus durch.

Karl-Heinz Maier ist auch Seniorensicherheitsbeauftragter für Griesheim, das heißt, er berät in engem Kontakt mit dem 16. Polizeirevier ältere Menschen, damit sie Trickbetrügern nicht auf den Leim gehen oder wenn sie ihr Haus gegen Einbrecher absichern möchten. Dass das nötig ist, hat Maier über die Altenpflege mitbekommen: „Die Gauner wissen, wann unsere Leute kommen, und klingeln dann etwas vorher und geben sich als Ersatzmann aus.“

Schon als junger Mann kam Maier auf die Helfer-Schiene. „In der Schule gab’s als Wahlpflichtfach Babypflege. Wir waren drei Freunde, und uns ist die Käthe-Kruse-Puppe ’runtergefallen. Da hat uns die Lehrerin für unfähig erklärt, und wir mussten uns was anderes suchen.“ Das war bei Maier das Rote Kreuz, erst in Griesheim, dann Höchst, dann Bergen-Enkheim. Er bildete sich weiter, übernahm Jugendgruppen, bildete Taucher und Bootsführer aus. Als Diplom-Ingenieur arbeitete er später bei Dupont in Neu-Isenburg. Die amerikanische Firma stellte grafische Filme und Röntgenfilme her. Dort wurde er Sicherheitsingenieur und bildete sich abermals weiter. „Ich habe einen Lehrgang an der Hessischen Landesfeuerwehrschule gemacht, könnte eine Feuerwehr leiten“, sagt Maier, der ursprünglich Elektromechaniker gelernt hat und bei der Hoechst AG im Werk Griesheim war.

Inzwischen ist Maier 75 Jahre alt, im Ruhestand, wohnt in Mörfelden- Walldorf, ist aber fast jeden Tag für den Allgemeinen Rettungsverband aktiv, der sein Domizil am Griesheimer Stadtweg hat. „Es ist mir glücklicherweise immer gelungen, Beruf und Berufung zusammenzulegen“, sagt er. „Es hat sich immer sinnvoll ergänzt.“ Als Belastung hat er die dauernden Einsätze für andere nie empfunden: „Es ist mir ein Bedürfnis zu helfen.“

Er genießt auch die vielen Verbindungen, die er über seine Einsätze knüpfen konnte. 1998 war er etwa als S3-Offizier für die Bundeswehr in Bosnien, leistete nach dem Balkankrieg Hilfe und erfuhr den Schrecken dieses europäischen Krieges aus nächster Nähe. Er hielt die Verbindung zu multinationalen Divisionen und koordinierte die Einsätze von Technischem Hilfswerk, Caritas und anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Bei der Bundeswehr hatte er eine Krankenpflegerausbildung und eine Ausbildung zum Umgang mit atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen (ABC) absolviert, war nach seiner Wehrdienstzeit an mehr als 660 Tagen auf Übungen. Das führte dazu, dass er auch heute noch beste Kontakte auch im US-amerikanischen Militär hat. Karl-Heinz Maier liebt die USA und freut sich, wenn sich ihm und seiner in der Ukraine geborenen Frau auf Reisen auch Türen öffnen, die anderen verschlossen bleiben. „Meine Frau guckt dann immer ganz verdattert, aber ich muss nur grinsen.“